Du kannst um alles bitten
Bitten ohne Worte

Du kannst um alles bitten

In den goldenen 70-er Jahren besass mein 15-Jähriger Bruder ein Mofa. Es war immer sauber geputzt. Darauf legte er grossen Wert. Ich war damals erst 12-Jährig und mein Fortbewegungsmittel war ein altes Velo.

Es war ein schöner Tag. Weshalb Brunos Mofa vor dem Haus stand und er nicht zu Hause war, weiss ich nicht. Bisher sah ich oft ein bisschen neidisch zu, wie er es startete und wegfuhr. Wild entschlossen dachte ich, das kann ich auch und zwar selber. Ich stieg also auf das Mofa und brachte den Motor tatsächlich zum Laufen. Meine Beine waren noch viel zu kurz, doch irgendwie ging es doch. Die erste Kurve kriegte ich ohne Probleme. Unsicher fuhr ich beim Nachbarhaus vorbei. Ab jetzt gings abwärts. Bremsen, steuern und auch noch das schwere Mofa in der Balance halten – das war für mich zuviel aufs Mal.
Scheppernd kamen wir zum Stillstand, das Mofa und ich. Es kippte um. Den Benzintank habe ich erst später genauer angeschaut. Die Kratzer und Schrammen an meinen Beinen auch.
Von wegen «alles selber machen», ich hatte keine Chance das Mofa aufzustellen und es nach Hause zu schieben, dafür fehlte mir die Kraft. Ich brauchte also Hilfe. Ein Nachbar half mir, wir stellten das Mofa wieder vors Haus und ich hoffte, dass niemand etwas bemerkt.

Falsch gedacht

Doch falsch gedacht. Mein Bruder sah den verbeulten Tank sofort und flippte aus. Sein Mofa, für das er sein Taschengeld gespart hatte und für das er allerlei Gelegenheitsarbeiten machte, um Geld zu verdienen. Mit einem so peinlich verbeulten Mofa konnte sich damals kein 15-Jähriger zeigen. Wie er darauf kam, dass ich schuld war, bleibt ein Rätsel. Um es reparieren zu lassen, musste mein Sparschwein daran glauben. Vielleicht hätte ich ihn doch besser vorher gefragt.

Zwei Jahre später konnte ich für 700 Franken mein eigenes, hellblaues Mofa Piaggio Ciao kaufen.

Ein hellblaues Mofa - mein eigenes
Das hellblaue Ciao

Ich will selber

Erinnerst du dich, wie du als Kind ärgerlich wurdest, wenn dir jemand helfen wollte?

«Ich will selber, ich bin gross genug», sagten wir als kleine Kinder. Wir glauben alles selber tun zu können. Als wäre es eine grosse Schwäche zugeben zu müssen, dass wir jemanden um Hilfe bitten müssen. Bei den meisten Menschen bleibt diese Eigenart «alles selber zu wollen», bis ins Erwachsenenalter.

help

I never needed anybody’s help in any way
But now these days are gone, I’m not so self assured
Now I find I’ve changed my mind and opened up the doors

The Beatles help

Gelernt ist gelernt

Ältere Menschen oder Menschen mit einer Behinderung, brauchen mehr Hilfe und Unterstützung als jüngere und gesunde. Aber wir alle werden älter, lernen wir also rechtzeitig nach Hilfe zu fragen. Niemand kann erraten, was wir jetzt brauchen. Das Zusammenleben ist viel entspannter, wenn wir unsere Bedürfnisse bei den Mitmenschen anmelden. Vielleicht riskieren wir ein Nein aber vielleicht freut sich ja jemand, uns einen Gefallen tun zu können.

Eine Stärke

„Um Hilfe zu bitten ist nicht Schwäche, sondern eine ausgesprochene Stärke, weil Sie liebevoll auf sich selbst und auf andere schauen, denen Sie die jeweilige Fähigkeit zutrauen.“

Christine Kempkes, Mit der Trauer leben lernen

Du kannst um alles bitten. Also was möchtest du?

Jemand der/die deine Bilder aufhängt? Sags mit Musik

Mehr Nähe oder Intimität? Sags mit Musik

You’re The One That I Want

Oder – je nach Musikgeschmack

Bitte, Bitte von Beatrice Egli
https://youtu.be/UdvTjyLyiwg

Etwas Romantik

Namika – Je ne parle pas francais


Lies auch den Blog Artikel „Danke“ und ist Dankbarkeit naiv

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare

  1. Ruth

    Wenn Menschen Menschen helfen wollen, müssen sie wissen, dass es nicht nach ihrem Kopf geht sondern helfen heisst dem anderen zu dienen. Ich bin selber behindert, einseitig gelähmt binde meine Schuhe selber mit einer Hand. Jetzt ist mein Schuh offen und Menschen sagen, ich mach das ich binde dir deine Schuhe neu. Ich sage dann nein, bitte lassen sie das, weil das ausgeklügelte System lässt es nicht zu, dass es gesunde Menschen verstehen. Dann gelte ich als undankbar und stur. Geduld ist auch eine Schwäche von gesunden Menschen. Besserwissen auch belehren ist auch mit dabei.

    1. Rita Scheurer

      Danke Ruth für den wertvollen Beitrag.
      Oft vergessen wir die wichtigste Frage: was brauchst du? Stattdessen interpretieren wir und kennen nur die eigene Sicht auf die Dinge.

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