Perlen im Alltag

Gerade noch geschafft. Ausser Atem setze ich mich in ein leeres Zugsabteil und in dem Moment fährt der Zug auch schon los. Es ist Sonntagnachmittag. Mit Kopfhörern in den Ohren stimme ich mich auf ein Konzert in Basel ein.

Eine junge Frau steuert mein Abteil an. Der kleine Junge an ihrer Hand sieht mich kurz an und zieht seine Mutter weiter. Sie gehen vorbei. Gerade will ich mein Buch aus der Tasche nehmen, da kommen die beiden zurück und setzen sich mir gegenüber. Nun wird’s Zeit die Kopfhörer in die Tasche zu stecken.

Der Junge spielt mit dem gelben Plastikei aus einer Kinderüberraschung. Die kleinen Teile, die darin waren, sind wahrscheinlich längst verloren. Die Mutter nebenan schreibt SMS. Er summt still und leise vor sich hin. Schüchtern sieht er mich mit seinen dunklen, großen Augen an. Wenn sich unsere Blicke treffen, versteckt er sein Gesicht hinter dem Mantel der Mama.

Ich ziehe eine Zeitschrift mit dicken Seiten aus der Tasche und reisse eine Seite heraus, die ich sowieso nicht lesen will.
Ungelenk falte ich ein Flugzeug und schenke es dem Kleinen. Der Versuch den Papierflieger in die Luft zu bringen, scheitert kläglich. Der Schwerpunkt ist so schlecht, dass er nur zu Boden fällt. Es besteht keine Gefahr, dass er einem Sitznachbarn ins Gesicht fliegt. Der Junge hält den Flieger in der Hand, fährt damit durch die Luft und brummt dazu wie ein alter Flieger. Seine Mutter spricht in einer fremden Sprache mit ihm und lächelt mich an.

Jetzt schaut mich der Junge aus seinen dunklen Augen an. Es geht weiter mit einem Fingerkampf auf dem SBB Tisch. Wer den anderen antippen kann hat gewonnen. Seine kleinen Finger sind schnell, wenn er mich erwischst lacht er.

«Nächster Halt Olten,» dröhnt es aus den Lautsprechern.

Mutter und Sohn machen sich bereit zum Aussteigen. «Tschüss», sagt er, strahlt mich an und winkt.

Ein kleines Spiel, ein paar Augenblicke und ein grosses Geschenk im Alltag.

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I ha güebt im Fau – dä würd iz em junge Ma mit de grosse Chopfhörer über der Glaze u der Läderjagge um d’Ohre flüge

Welches sind deine Perlen im Alltag? Schreibe sie in den Kommentar.

Begegnungen auf einer Wanderung

Im Mai 2017 hatte ich meine Seite mit Unterstützung von Freunden aufgebaut. Das Thema «Lehren und Lernen» war für mich wichtig, denn dazu habe ich etwas zu sagen.

Jetzt habe ich mich entschlossen, den Blog neu auszurichten. Es sollen Erlebnisse, Einsichten und Erfahrungen sein, über die hier berichtet wird. Dinge die mir wichtig sind; peinliche, lustige, traurige und besinnliche Momente sollen hier beschrieben sein. Natürlich in der Hoffnung, dass jede Leserin und jeder Leser sich amüsiert oder etwas Nützliches mitnehmen kann.
Es sollen auch Interviews und Geschichten mit interessanten Persönlichkeiten und Viechern drin Platz haben.

Braunvieh

Der Streit mit Braunvieh Mutterkuh Bella
Mit prächtigen Hörnern steht sie da Bella, ein Grauvieh. Grau-braun mit weissen Fransen an den Ohren. Neben ihr steht eine zweite Kuh.
Meinen Hund Tapas halte ich an der kurzen Leine, wie es sich gehört, wenn man eine Kuhweide durchquert. Schön dem Zaun entlang, nicht auffallen.
Bella und ihre Kuh-Kollegin kommen neugierig näher. «Ist alles gut,» sage ich zu Bella, «wir sind gleich wieder weg.» Doch Bella will es genauer wissen: „Hei was willst du hier mit deinem Hund?“, scheint sie zu fragen. „Geh weg, ich mache deinen Kälbern nichts, wir sind gleich weg“, erkläre ich ihr ruhig, und sie trottet mit ihrer Kuh-Kollegin weg.

Doch der Zaun hat am anderen Ende der Weide keinen Ausgang, er ist hoch und elektrisch geladen, für Tapas und mich gibt es hier kein Durchkommen. Offensichtlich führt der Wanderweg doch nicht hier durch, und ist vor dem Gattertor schlecht markiert. Wir müssen umkehren und noch einmal bei Bella vorbei.

Doch Bella fragt diesmal nicht. Sie kommt mit Verstärkung – jetzt sind sie zu viert – und greifen wirklich an. «Weg hier, lass unsere Kälber in Ruhe!», und schon liege ich am Boden. Tapas flieht mitsamt der Leine. Ich schreie: «Nein – lass mich, ich tue doch den Kälbern nichts!». Doch das hilft nicht mehr: Alle vier treten mich mit ihren Füssen.
……
Endlich kann ich wieder aufstehen. Doch Bella rennt auf mich zu und lädt mich auf die Hörner und spickt mich durch die Luft. «Weg jetzt mit dir!», heisst das sicher. Da liege ich wieder, über mir 4×4 Hufe. Wenige später kommt Bella mit ihrem grossen Kopf nah an mein Gesicht, ich sage gar nichts mehr und stelle mich tot. «Girls, es ist genug, lasst sie laufen. Sie hat ihren Teil gelernt. Sie ist K.O. und tut unseren Kälbern nichts mehr, wir lassen sie gehen.» Bella und ihre Kolleginnen trotten davon. Ich stehe auf, sammle Brille und Hut und suche nach Tapas. Ausserhalb der Weide sehe ich sie im Schatten sitzend warten.

Ich humple davon und komme mit vielen blauen Flecken und einigen Knochenbrüchen davon.
Danke Bella, dass ihr mich habt leben lassen.

Österreichs 10 Regeln im Umgang mit Weidevieh
https://www.youtube.com/watch?v=NYVYvHiHsKU&feature=youtu.be

Trauffer Müeh mit de Chüeh

Kuh-Bild oben von Bettina Thannheimer auf Pixabay.com

 

Eine Klasse wie ein bunter Herbstwald

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Meine Klasse ist wie ein bunter Herbstwald, und ich bin die „Waldmeisterin“.
Die grüne, mächtige Buche präsentiert sich als grosser, gutaussehender Kursteilnehmer, der in der Mitte sitzt, meist umgeben von zwei Frauen. Er ist aufmerksam, flüstert nie mit seinen Nachbarinnen. Er schaut mir gerade ins Gesicht, und ich registriere, wenn er ab und zu seine Stirn in Falten legt. „Bist du nicht einverstanden, mit dem Auftrag, den ich eben gegeben habe?“ Voll erwischt: „Doch doch, was hast du gerade gesagt, ich habe etwas ganz anderes gedacht.“ Meine Augenbrauen heben sich waldmeisterlich: „Was denn?“ „Uh, das kann ich hier nicht sagen.“ „Auftrag, was für einen Auftrag, das habe ich nicht mitbekommen.“ Weiterlesen „Eine Klasse wie ein bunter Herbstwald“