Eine Klasse wie ein bunter Herbstwald

IMG_5032
Meine Klasse ist wie ein bunter Herbstwald, und ich bin die „Waldmeisterin“.
Die grüne, mächtige Buche präsentiert sich als grosser, gutaussehender Kursteilnehmer, der in der Mitte sitzt, meist umgeben von zwei Frauen. Er ist aufmerksam, flüstert nie mit seinen Nachbarinnen. Er schaut mir gerade ins Gesicht, und ich registriere, wenn er ab und zu seine Stirn in Falten legt. „Bist du nicht einverstanden, mit dem Auftrag, den ich eben gegeben habe?“ Voll erwischt: „Doch doch, was hast du gerade gesagt, ich habe etwas ganz anderes gedacht.“ Meine Augenbrauen heben sich waldmeisterlich: „Was denn?“ „Uh, das kann ich hier nicht sagen.“ „Auftrag, was für einen Auftrag, das habe ich nicht mitbekommen.“

Dann gibt’s den kleinen Haselstrauch. Sie sitzt bescheiden und zurückhaltend in der hinteren, linken Ecke. Sie sagt wenig, doch wenn sie etwas sagt, ist es als beisse man auf Haselnüsse in der Nussschokolade. Sie bringt es auf den Punkt, wenn andere um den heissen Brei reden. In der Gruppenarbeit lässt sie zuerst die anderen diskutieren, wenn die Zeit reif ist, fasst sie alles zusammen. Sie reichert das Ganze mit ihren klaren Gedanken und ohne lange Statements an.

Der Efeu klettet sich eng an seine Kollegin. Beide sind meist fast die ersten im Klassenzimmer, denn wer spät kommt, hat kaum mehr die Chance nebeneinander zu sitzen. Er tuschelt mit ihr bei jeder Gelegenheit und für ihn ist es eine Tragödie, wenn die „Waldmeisterin – sprich Lehrerin“ die Gruppe exakt so einteilt, dass er für einen Auftrag von seiner Kollegin getrennt wird.

Die Hagebutte mit leuchtend roten Früchten; sie sitzt aufmerksam da, den Blick meist leicht gesenkt. Von sich aus spricht sie kaum in der Gruppe. Wenn sie gefragt wird, wägt sie die Worte sorgfältig ab. Erhält sie ein Kompliment, errötet sie leicht. Vermutlich weiss sie nicht, welches Potential sie hat, was alles aus den roten Hagebuttenfrüchten entstehen kann. Nicht selten versteckt sie sich hinter der Buche oder dem bunten Ahorn.
Das Eichhörnchen ist immer auf Achse. Er kann kaum eine Minute ruhig sein. Er kann sehr aufmerksam sein und sein Ohren spitzen. Doch ist ihm zuhören, wenn es länger als zwei Minuten dauert, eine unglaubliche Qual. Entweder zeichnet er in seinem Heft bunte Muster oder er checkt alle fünf Minuten sein Handy. Was tut er jetzt wohl? Sammelt er Freunde auf Instagram oder liest er das Handout? „Hat es geklappt mit dem WLAN?“ Er schaut leicht erschrocken vom Handy auf: „Ähm nein, irgendwie habe ich das Handout noch nicht öffnen können.“

Der gelb-rote Ahorn ist offen und lustig. In der Klasse kann man auf sie zählen, wenn sonst niemand etwas sagen will. Jeder möchte mir ihr in die Gruppe, weil sie charmant und charismatisch ist und gute Ideen hat. Sie wird schnell zur Klassensprecherin, weil alle auf sie hören.

Als „Waldmeisterin“ (Lehrerin) ist es eine tolle Herausforderung, die mächtige Buche, die Hagebutte und den Efeu soweit zu verlinken, dass sie im Unterricht oder im Team gemeinsam arbeitsfähig sind und miteinander und voneinander lernen. Es ist erstaunlich, welche Energie entsteht, wenn es gelingt die Diskussion anzuregen und die Individualität in jedem einzelnen Menschen zu entdecken.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.