6 Fragen an Geri Thomann zu Feedback und Rückmeldungen

Geri Thomann
Geri Thomann

Sowohl in der Bildung als auch in der Führung werden oft Rückmeldungen gegeben und auch empfangen. Was macht es einfacher Rückmeldungen zu geben und anzunehmen? Gibt es Rezepte für heikle Rückmeldungen? Auf diese Fragen gibt Geri Thomann Antwort.

Die Feedbackregeln sagen, dass es erwünscht, nicht wertend, rechtzeitig, brauchbar etc. sein soll. In der Bildung wird diskutiert ob man in Zusammenhang mit Beurteilung von Feedback sprechen kann?
Geri Thomann:
Ich persönlich spreche in Bezug auf Beurteilungen eher von Rückmeldungen oder beurteilenden Rückmeldungen. Da ist der Begriff Feedback nicht ganz korrekt.

Rückmeldungen können die Integrität verletzen, manche Menschen reagieren mit grossem Widerstand. Was kann man tun um dies zu vermeiden? Wenn die Kriterien, wofür eine Rückmeldung gegeben wird transparent sind, kann ich mit meiner Selbsteinschätzung bereits ahnen was ich erwarten kann. Wenn die Kriterien nicht bekannt sind und ich überrascht werde, ist das Kränkungspotential hoch. Fairerweise muss ich mich als beurteilte Person auch vorbereiten können und meine Sichtweise darstellen, damit ich mein Selbstkonzept und meine Souveränität wahren kann und in der Lage bin „in Verhandlung“ zu treten. Die Wahrnehmung ist immer unterschiedlich und eine positive oder kritische Rückmeldung kann auf Widerstand stossen. Wichtig ist, dass man als beurteilende Person immer fair bleibt, sich auf bestehende oder vereinbarte Kriterien bezieht, transparent ist und die Sichtweise des Gegenübers anhört.
Soll man zuerst die zu Beurteilenden ihre Sichtweise darstellen lassen? Wenn es eine beurteilende Instanz gibt, finde ich es nicht fair, wenn zuerst die beurteilte Person sagen soll, wie sie sich einschätzt. Die beurteilte oder qualifizierte Person hat das Recht eine Rückmeldung zu erhalten ich habe als Beurteilender die Pflicht, meine Sicht der Dinge „auf den Tisch“ zu legen und danach Fragen dazu zu stellen sowie Reaktionen entgegenzunehmen. Bei meiner jüngeren Tochter (sie ist jetzt 23) wurde in der ersten Primarklasse ein neues Feedbackverfahren eingeführt. Ein formatives Feedback zu allen Fächern, jeweils Ende Semester. Sie musste sich zuerst selber einschätzen und das war schwierig. Sie wusste nicht, wie gut sie sich einschätzen sollte, um dem Massstab der Lehrperson zu entsprechen. Als Eltern halfen wir ihr dabei. Sie hat sich einmal besser eingeschätzt als die Lehrperson, ihre Einschätzung war schliesslich weniger Wert als diejenige des Lehrers. Dies führte dazu, dass sie sich fortan immer schlechter einschätzte als sie wirklich war. Druck führt hier dazu, herauszufinden, was der andere (in der mächtigeren Position) denkt um sich nicht besser oder schlechter als diese einzuschätzen. Das fördert höchstens die spezifische Kompetenz, einzuschätzen, wie man eingeschätzt wird.
Wie soll man rückmelden, wenn es um störendes Verhalten oder etwas sehr persönliches geht? In einer Alltagssituation ist die Unmittelbarkeit wichtig. Man sollte nicht warten, bis zur nächsten Standortbestimmung, sondern die Rückmeldung so rasch als möglich geben. Dauert es zu lange, weiss niemand mehr genau was geschehen ist. So kann kaum mehr etwas verändert werden. Wichtig finde ich zudem die Art und Weise. „C‘est le ton qui fait la music“. Wenn ich bei einem Mitarbeitenden etwas Kritisches sehe oder erlebe und dies unmittelbar rückmelde, ist dies keine Konfrontation aus dem Nichts, sondern eher im Rahmen eine alltäglichen Interaktion. Wenn ein schwieriges Verhalten oder eine ungenügende Leistung wiederholt vorkommt, muss ich die Konsequenzen offenlegen.
Wie geht man am besten vor, wenn man hierarchisch gesehen von unten nach oben eine Rückmeldung gibt? Wenn das Vertrauen vorhanden ist, ist es gut möglich, sich gegenseitig Rückmeldungen zu geben. Hingegen würde ich mich in einem gespannten Verhältnis nicht auf die Äste hinaus wagen. Sei dies als Mitarbeiter bei Vorgesetzten oder als Student bei Dozierenden. Ist das Vertrauen und eine Feedbackkultur in einer Institution nicht vorhanden, braucht es zuerst vertrauensbildende Massnahmen.
Welches sind wichtige Voraussetzungen um ein gute Feedbacker oder eine kompetente Rückmelderin zu sein? Eine Rückmeldung ist immer mündlich oder schriftlich das heisst, es braucht auf beiden Seiten sprachliche Kompetenz. Kann ich mich verständlich und klar ausdrücken und wird auch das verstanden, was ich meine? Wer darin geübter ist und ein gesundes Selbstbewusstsein hat, kann präzisere Rückmeldungen geben oder diese gut verstehen. Bei manchen Menschen lösen Rückmeldungen Angst aus. Ist ein Gespräch vertrauensvoll, kann ein Feedback besser angenommen werden. Je geübter, klarer und dosierter man sich im Alltag verständigt, desto einfacher und desto lehrreicher und nachhaltiger wird eine Beurteilungssituation.

Geri Thomann ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem „Ausbildung der Ausbildenden“. Er leitet das Zentrum für Hochschuldidaktik und Erwachsenenbildung und die Abteilung Weiterbildung an der Pädagogischen Hochschule Zürich und ist Professor für Hochschuldidaktik und Weiterbildungsmanagement.

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